Deutsches Liturgisches Institut

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Kindertaufe

Am Zeichen gespart


Immersionstaufe für Kinder nur auf dem Papier?


Bisher wird meistens noch im Säuglingsalter getauft und das fast ausschließlich in der Form einer spärlichen „Infusion“, nämlich durch Übergießen des Hauptes. Dazu bedient sich der Taufspender je nach Situation verschiedener Gerätschaften wie Taufbecken (oft eher Taufschüsseln mit Unterbau), Keramikkrüglein mit schmalem Hals (die eigentlich zur Aufbewahrung des Weihwassers gedacht sind!), „trockener“ Taufbecken mit Pappendeckeleinlage(!), auf der ein Glasdessertteller mit Preßglaskännchen (früherer Standard für Wein und Wasser) steht.
Die Aufzählung heutiger „Praxis“ zeigt deutlich, wie verkümmert das klare Symbol des Taufbades, das Hinein- und Heraufgehobenwerden des Täuflings in das Geheimnis des Todes und der Auferstehung des Herrn (vgl. Röm 6,3f.) bei uns im Laufe der Jahrhunderte geworden ist. Mangels alternativer Praxis erhalten sich die manchmal bis zur Unwürdigkeit gehenden Gerätschaften durch langjährigen, „bewährten“ Brauch erstaunlich unangefochten.

Sinn-vollere Taufform
Vielleicht sind wir darum so auf die Infusionstaufe fixiert, weil möglicherweise der Satz noch nie bewußt gelesen wurde: „Man kann durch Untertauchen oder durch Übergießen taufen. Die Taufe durch Untertauchen ist besser geeignet, die Teilnahme am Tod und an der Auferstehung Christi auszudrücken“ (Die Feier der Kindertaufe, Vorbemerkungen, Nr. 12). Daran schließt unmittelbar eine Bemerkung an, die das Gesagte sofort wieder „praxisnah und bequem“ abdrängt: „In unseren Verhältnissen wird es im allgemeinen bei der Taufe durch Übergießen bleiben.“ Anscheinend sollte sich doch nichts ändern.
In dieselbe Richtung zielt Theodor Schnitzler, wenn er feststellt: „Doch nach dem Abstand von einigen Jahren kann schon gesagt werden, daß sich diese Form nicht durchgesetzt hat. Sie bedarf einer großen Geschicklichkeit des Taufenden im Umgang mit dem zarten Gebilde des Kindes. 99 von 100 Täufern werden diese Sicherheit nicht besitzen. Alle anwesenden Mütter und Großmütter werden sie mit großem Mißtrauen beobachten“ (Was die Sakramente bedeuten. Freiburg 1982, S. 73). Dieser Pessimismus geht von unbewiesenen Vermutungen aus und verhindert so jede andere Entwicklung. Hatte Schnitzler vielleicht den Blick in die Geschichte der Kindertaufe vergessen? „Kinder wurden untergetaucht, eine Taufform, die noch Thomas von Aquin († 1274) die gewöhnlichere und lobenswertere nennt, die aber immer mehr von der Infusionstaufe verdrängt wird und im 16. Jh. ganz verschwindet (außer im Mailänder Ritus)“ (A. Adam - R. Berger, Pastoralliturgisches Handlexikon. Freiburg - Basel - Wien 1980, S. 504).
Nach Einführung des neuen deutschen Kindertaufritus hätte eigentlich im Laufe von 20 Jahren ins Auge fallen müssen, daß das liturgische Buch an mehreren Stellen das Untertauchen (oder Eintauchen) des Kindes in das Taufbad als erste Möglichkeit des Taufvollzugs nennt und somit in gewisser Weise favorisiert. Das Gleiche tut im übrigen der CIC/1983 deutlich in Can 854: „Die Taufe ist durch Untertauchen oder durch Übergießen zu spenden; dabei sind die Vorschriften der Bischofskonferenz einzuhalten.“
„Ohne Zweifel rückt damit die ursprüngliche und bis ins Mittelalter gebräuchliche Form, das Kind nicht durch Aufgießen (Infusionstaufe), sondern durch Eintauchen (Immersionstaufe) zu taufen, wieder in den Bereich der Möglichkeit, zumal es heute keine besonderen Schwierigkeiten macht, den Taufbrunnen mit warmem Wasser auszustatten“ (Adolf Adam, Grundriß Liturgie. Freiburg - Basel - Wien 1985, S. 120).

Keine Neuerung – eine Erneuerung!
Ohne große Erwartung blättere ich im Rituale Romanum (Editio sexta post typicam. Ratisbonae etc. 1898). Während „Die Feier der Kindertaufe“ zum Handeln bei der Immersionstaufe schweigt, erklärt das alte Buch im „Ordo Baptismi Parvulorum“ mit wenigen Worten die frühere und jetzt ebenso mögliche Praxis:
„Ubi autem est consuetudo baptizandi per immersionem, Sacerdos accipit infantem, et advertens ne laedatur, caute immergit, et trina mersione baptizat, et semel tantum dicit: N. Ego te baptizo … Mox Patrinus, vel Matrina, vel uterque simul infantem de sacro Fonte levant, suscipientes illum de manu Sacerdotis“ (Nr. 20 und 21). – „Wo es Brauch ist, die Taufe durch Untertauchen zu spenden, nimmt der Priester das Kind entgegen. Er achtet darauf, daß er ihm nicht weh tut, hebt es vorsichtig in das Taufbecken und tauft es durch dreimaliges Untertauchen. Dabei spricht er nur einmal: N., ich taufe dich … Dann heben der Pate oder die Patin oder beide zugleich das Kind, das sie aus der Hand des Priesters empfangen, aus dem Taufbecken heraus.“
Auch der im alten Rituale Romanum enthaltene „Ordo Baptismi Adultorum“ kann als Argument zugunsten einer Immersionstaufe auch von größeren Kindern gesehen werden:
„In ecclesiis autem ubi Baptismus fit per mersionem, sive totius corporis, sive capitis tantum, Sacerdos accipiat Electum per brachia prope humeros … ter illum, vel caput eius mergendo, et toties elevando, baptizet sub trina mersione, sanctam Trinitatem semel tantum sic invocando: Ego te baptizo in nomine Patris †, (mergat semel) et Filii †, (mergat iterum) et Spiritus Sancti †, (mergat tertio). Patrino, vel Matrina, vel utroque eum tenente, vel tangente“ (Nr. 50). – „In den Kirchen, wo die Taufe durch Untertauchen entweder des ganzen Körpers oder des Hauptes gespendet wird, fasse der Priester den Erwählten an den Armen nahe der Schulter, … und taufe ihn, indem er ihn oder sein Haupt dreimal untertaucht und ebenso oft heraushebt, durch dreimaliges Untertauchen mit nur einmaliger Anrufung der Hl. Dreifaltigkeit so: Ich taufe dich im Namen des Vaters †, (er taucht ihn einmal ein) und des Sohnes †, (er taucht ihn ein zweites Mal ein) und des Hl. Geistes †, (er taucht ihn zum drittenmal ein). Dabei halten oder berühren ihn der Pate oder die Patin oder beide.“
Die nüchterne Feststellung des Kanon 854 CIC/1983 bietet heute die große Chance, das grundlegende Sakrament aller Christen auch durch einen ihm entsprechenden Vollzug verstärkt ins Blickfeld der Pfarrgemeinden und Familien zu heben.

Tendenzen in anderen Konfessionen
Die meisten nichtunierten und unierten Kirchen des Ostens haben die Praxis der Immersionstaufe, oft auch als Kombination aus Immersion und Infusion, beibehalten. Wir befinden uns in guter Gemeinschaft!
In „The Alternative Service Book 1980“ der Church of England lautet die Taufanweisung ähnlich wie in der katholischen Kirche: „… the priest baptizes him. He dips him in the water and pours water on him, addressing him by his name“ (S. 247) – „… tauft der Priester das Kind. Er taucht es ins Wasser ein oder übergießt es mit Wasser und spricht es dabei mit seinem Namen an.“
Das Lima-Dokument zu Taufe, Eucharistie und Amt (Frankfurt a. M. und Paderborn 1982) führt aus: „In der Feier der Taufe sollte die symbolische Funktion des Wassers ernst genommen und nicht heruntergespielt werden. Der Akt des Untertauchens kann die Realität zum Ausdruck bringen, daß in der Taufe der Christ am Tode, am Begräbnis und an der Auferstehung Christi teilhat“ (Nr. 18).
Die neue Agende für Evangelisch-Lutherische Kirchen und Gemeinden (Band III. Die Amtshandlungen. Teil 1. Die Taufe. Hannover 1988) sieht eine Möglichkeit der Immersionstaufe leider nicht mehr vor – wohl aus praktischen Gründen, wie ein evangelischer Pfarrer bemerkte.
Noch zur Reformationszeit und darüber hinaus war die Immersionstaufe in guter Übung. Es macht nachdenklich, wenn in reformatorischen Kirchen im Zusammenhang mit der Taufe Symbole wie das Kreuzzeichen über das Kind, das Taufkleid, die Taufkerze, neu entdeckt wurden, die Symbolik des Taufvorgangs – durch Untertauchen und Herausheben – aber ohne Beachtung bleibt.
Dieser Kritik muß sich auch die katholische Kirche in den deutschsprachigen Ländern stellen. In der altkatholischen Kirche Deutschlands sieht der Taufritus (Die Feier der Kindertaufe. Katholisches Bistum der Altkatholiken in Deutschland. Bonn 1991) nur die Infusionstaufe vor.

Schritte zur Immersionstaufe
Für die Eltern der Täuflinge wie für die Taufspender wird die Immersionstaufe vorerst noch fremd sein. Soll sie – vielleicht zunächst alternativ – bei uns eine Chance erhalten, geht das nur mit pastoral geduldiger Weichenstellung. Keineswegs darf es heißen: „Ab kommenden Sonntag wird in unserer Pfarrei nur noch durch Untertauchen getauft.“ Der Taufspender selbst muß von der Sinnhaftigkeit der Immersionstaufe überzeugt sein, sonst kann er seine Gemeinde in Verkündigung, Katechese und liturgischer Bildung nicht zu einer mehr zeichenhaften Praxis und zu entsprechendem Verständnis der Taufhandlung führen. Er muß den Eltern die Wahlmöglichkeit lassen. Auch muß klar sein, daß beide Taufformen in gleicher Weise das Heil des Menschen bewirken.
Der Vollzug einer Immersionstaufe kann an bisher gebräuchlichen Taufbecken – mangels Tiefe – nicht erfolgen. Woher ein entsprechendes Becken nehmen, das zudem noch für fließendes und warmes Wasser eingerichtet sein sollte (vgl. Die Feier der Kindertaufe, Vorbemerkungen Nr. 50 und 52)?
Hierbei werden nicht alle Desiderate gleichzeitig erfüllt werden können. Als durchaus praktisch für die Taufe von Säuglingen durch Eintauchen hat sich ein schlichtes, aus starkem Kupferblech getriebenes Becken erwiesen, das sich nach unten verjüngt (60 cm hoch, oberer Durchmesser 51 cm, unterer Durchmesser 38 cm) und das auf einem Fuß von 38 cm Höhe steht. Es kann ca. 75 Liter Wasser aufnehmen, das vor dem Taufgottesdienst mit einer Temperatur von etwas unter 40 Grad Celsius gefüllt wird. (Die Badetemperatur für Babys beträgt 37 Grad Celsius). Das Taufbecken soll an einem Ort stehen, wo die Taufe auch von allen Teilnehmern gut mitgefeiert und erlebt werden kann.
Seitlich müßte zum Aus- und Ankleiden des Täuflings ein Tisch aufgestellt sein. Die Eltern oder Paten bringen das in ein Tuch gehüllte Kind zum Taufbecken. Sie trocknen es nach der Taufe ab und hüllen es zunächst noch einmal in das Tuch. Erst nach der Chrisamsalbung folgt das Ankleiden des Kindes mit der üblichen Unterwäsche und dem Taufkleid. Nach der Taufe kann das Taufwasser als „Weihwasser“ Verwendung finden. Eltern und Paten können Taufwasser mit nach Hause nehmen.
Wer diese Form der Taufe durch Eintauchen des Täuflings noch nicht miterlebt oder vollzogen hat, wird – wie bei anderen Problemfeldern der Liturgie – zunächst versucht sein, die Immersion als nicht praktikabel hinzustellen. Zugegeben, sie macht dem Taufspender, den Eltern und Paten und dem Mesner mehr Arbeit – aber eine Arbeit, die sich lohnt! Wichtig ist natürlich zunächst die Information der Gemeinde über diese Form und ihre Geschichte und – vor allem – die theologisch-geistliche Erschließung des damit gegebenen Zeichens. Dann gilt es, den Anfang möglichst mit einem Kind von solchen Eltern zu machen, die selbst wirklich von dieser Form überzeugt sind. Wenn dann der erste „Sensationscharakter“ verflogen ist, wird die Immersion dem Taufsakrament zeichenhaft einen Teil seiner ursprünglichen Schönheit zurückgeben. Wir sollten uns mehr zutrauen als die bisher eingefahrene Praxis zugestehen will.

Quelle: Zeitschrift "Gottesdienst" 1991